Thrombozytopenie des Feten durch diaplazentar übertragene Alloantikörper
der Schwangeren gegen humane Plättchenantigene (HPA) des Feten, die
er vom Vater geerbt hat.
Die Pathogenese ist der des Morbus hämolyticus neonatorum analog.
Häufigkeit
1: 1.000 Geburten. Leider wird an die Möglichkeit einer FAIT oft
nicht gedacht, dann nicht adäquat überwacht und behandelt. Die
Folgen können schwerwiegend sein. Ähnliche Beobachtungen werden
auch in anderen Ländern wie z.B. Großbritannien gemacht (Murphy
et al. 1999, Turner et al. 2005, Tiller et al. 2009).
Es gibt gravierende Verläufe bei der FAIT (siehe unten). Die FAIT
kommt häufiger als mehrere andere neonatale Krankheiten vor, für
die es Screeningprogramme gibt.
Antikörperspezifität
~75% Anti-HPA 1a (Zwa o. PlA1), ~15% Anti-HPA 5b (Bra), ~4% Anti-HPA
15b und andere.
Krankheitsbild
Etwa die Hälfte der sonografisch erfassbaren Hirnblutungen
(ca. 15-20 % der Fälle) treten bereits vor der Geburt auf. Die
frühesten Hirnblutungen wurden etwa in der 16. Schwangerschaftswoche
(SSW), viele vor der 30. SSW und die meisten nach der 30. SSW dokumentiert.
Mögliche Folgen der Blutung: Hydrocephalus, Blindheit, geistige
und körperliche Behinderung.
Diagnose
Klinik: Hinweis ist eine FAIT oder NAIT in der vorangegangenen Schwangerschaft
oder bei dem vorher geborenen Kind. Wiederholungsrisiko für NAIT/FAIT
bei nachfolgenden Schwangerschaften ist 50 oder 100% gemäß Hetero-
oder Homozygotie des Vaters. Auch der Schweregrad wiederholt sich oft.
Hirn-Sonographie des intrauterinen Kindes: Ventrikulomegalie im Sinne eines
Hydrozephalus aresorbtivus bei Zustand nach intraventrikulärer Blutung,
Septumdefekt bei Ruptur nach intraventrikulärer Hämorrhagie,
porenkephalische Zysten, meist nur mäßiggradige Makrokephalie.
Der neuroradiologische Befund kann diagnostisch hinweisend und in unerwarteten
Fällen für das Wohlergehen des Kindes von kritischer Bedeutung
sein (Dale and Coleman 2002). Die Punktion der Nabelschnurvene (Cordozentese,
cave: siehe unten!) ergibt eine fetale Thrombozytopenie bei normalen Thrombozytenzahlen
der Schwangeren. Nicht-immunologische Ursachen der fetalen Thrombozytopenie
sind nicht feststellbar. Zur Differentialdiagnose siehe die Tabelle!
Labor: Wenn ein schwerer Verlauf der FAIT aufgrund z.B. einer
Hirnblutung in oder nach einer vorangegangenen Schwangerschaft nicht ausgeschlossen
werden kann, erfolgt die Cordozentese in der Regel in der 30. bis 32. SSW
zur Gewinnung einer fetalen Blutprobe. Die Cordozentese soll einerseits
genügend früh zur Verhinderung einer Hirnblutung und andererseits
genügend spät sein, damit ein reifes Kind entbunden werden kann,
wenn eine unerwartete katastrophale Nabelschnurblutung bei der invasiven
diagnostischen Maßnahme auftritt. Bei FAIT ohne kindliche Hirnblutung
in der gegenwärtigen oder vorangegangenen Schwangerschaft ist die
Indikation zur Cordozentese, die bedeutende Risiken hat, schwer zu rechtfertigen.
Die Schwangere wird für das dem Alloantikörper korrespondierende
Antigen (Gen) als negativ, der Vater als positiv typisiert. Er kodiert
für dieses Antigen heterozygot oder homozygot, was serologisch oder
durch Genotypisierung bestimmt werden kann.
Auch auf Antikörper der Schwangeren gegen humane Leukozytenantigene
(HLA) muss untersucht werden, um die Verträglichkeit der Thrombozytentransfusion
von Fremdspendern sicherzustellen. Zugunsten der Aussagekraft bestimmter
Methoden und für die Transfusionspraxis müssen die ABO-Blutgruppen
von der Schwangeren, Vater und dem Kind bestimmt werden.
Erforderliches Untersuchungsmaterial
Schwangere: 30 ml EDTA-Blut, 10 ml Nativblut, 10 ml Heparinblut;
Vater: 10 ml EDTA-Blut, 10 ml Heparinblut;
Kind: 3 bis 5 ml EDTA-Blut für Kleines Blutbild mit Thrombozytenzahl
und 50 µl EDTA-Blut für die Blutgruppenbestimmung.
Therapie
Therapie vor der Geburt bei Verdacht auf schweren Verlauf der FAIT.
Man postuliert ihn, wenn Fälle mit Hirnblutungen eines vorherigen
Kindes aufgetreten sind (insbesondere in utero zu einem frühen Zeitbpunkt
der Schwangerschaft, Bussel und Sola-Visner 2009), oder sonografisch Hirnblutungen
bereits bei der gegenwärtigen Schwangerschaft erkannt worden sind.
In solchen Fällen werden der Schwangeren ab der 12. SSW oder ab dem
Zeitpunkt der Blutung wöchentlich 1 – 2 g/kg i.v. Immunglobulin gegeben.
Thrombozytentransfusionen werden in der Regel von der 30. SSW bis zur Geburt
wöchentlich über die Nabelschnurvene gegeben (s.u.), wenn die
fetale Thrombozytenkonzentration niedriger als ca. 50.000/µl ist.
Intrauterin sollen unmittelbar nach Transfusion fetale Thrombozytenkonzentrationen
über 100.000/µl, optimal 300.000/µl erreicht werden.
Procedere für die erste, prophylaktische Transfusion und Dosierung:
Unmittelbar vor Cordozentese in einer Klinik entsprechender Erfahrung müssen
10 – 20 ml (bis zu 20 – 40 ml bei Erreichen der 35. SSW) eines gewaschenen,
CMV-Antikörper-negativen und bestrahlten Thrombozytenkonzentrates
der Blutgruppe O in greifbarer Nähe des cordozentierenden Arztes in
Bereitschaft liegen. Nach der Punktion der Nabelschnurvene wird sofort
eine fetale Blutprobe zur Zählung der Thrombozytenkonzentration entnommen.
Wenn die Analyseergebnisse der fetalen Thrombozytenkonzentration durch
z.B. einen Hämatologieautomaten am Patienten unverzüglich nicht
verfügbar sind, wird, - ohne die Analyseergebnisse abzuwarten -, sofort
das in Bereitschaft liegende Konzentrat über die in der Nabelschnurvene
liegende Kanüle im Verlauf von 6 bis 10 min transfundiert. Die Gefahr
einer tödlichen Nabelschnurblutung durch Dislokation der Punktionskanüle
bei schwerer Thrombozytopenie ist groß während der Zeit, in
der auf eine Analyse aus entfernterem Labor gewartet wird, und sich das
Kind im Uterus bewegt.
Die transfundierten Thrombozyten sollen für das dem Antikörper
korrespondierende Plättchenantigen negativ sein. Falls dieses unbekannt
ist, sollen sie HPA 1a-negativ sein, oder von der Schwangeren gespendet
und gewaschen sein (einmal zentrifugieren, Spenderplasma durch AB-Plasma
ersetzen). Nur, falls solche nicht verfügbar sind, sollen sie HPA-unausgewählt
sein (Kiefel et al. 2006, te Pas et al. 2007). Werden keine Plättchen
der Schwangeren transfundiert, so sind ggf. deren HLA-Antikörper bei
der Auswahl von Plättchenspendern zu berücksichtigen. HPA- und
HLA-kompatible Geschwister der Schwangeren kommen in Engpasssituationen
als Plättchenspender in Frage.
Wenn die Analyseergebnisse der fetalen Thrombozytenwerte unverzüglich
nach Punktion verfügbar sind, wird das in Bereitschaft liegende Thrombozytenkonzentrat
bei fetalen Werten unter 150.000/µl transfundiert.
Weitere Transfusionen: Diese sollen möglichst mit Thrombozyten
von Fremdspendern durchgeführt werden. Die Präparate müssen
für das Plättchenantigen negativ sein, gegen das der ursächliche
mütterliche Antikörper gerichtet ist, und negativ für ein
HLA-Antigen, wenn ein korrespondierender mütterlicher Antikörper
bekannt ist (Behelf: das Präparat soll keine paternalen HLA-Antigene
aufweisen und HLA-identisch oder -ähnlich denen der Mutter sein).
Für eine unkomplizierte Transfusion sollen die Thrombozyten gewaschen
und bestrahlt sein und die Blutgruppe O haben.
Wegen der Gefahr einer tödlichen Nabelschnurblutung durch
Dislokation bei schwerwiegender Thrombozytopenie muss ein Procedere auch
für diese weiteren Transfusionen in Betracht gezogen werden, bei der
nach der Probenahme aus der Nabelschnurvene die Nadel nicht lange liegen
bleibt, wie es oben für die erste prophylaktische Transfusion beschrieben
wurde.
Oft erfolgen wöchentliche Transfusionen. Ob nach solcher
Transfusion eine hohe Thrombozytenkonzentration nur wenige Stunden anhält
oder noch einige folgende Tage, ist verständlicherweise nie dokumentiert
worden.
Die Schwangere soll solche körperlichen Aktivitäten meiden,
die zu starken Erschütterungen oder Prellungen im Bauchraum führen
könnten, und keine Medikamente wie Acetylsalicylsäure einnehmen,
welche die Funktion der Blutplättchen beinträchtigen.
Therapiekontrolle: Bei Cordozentese werden zur Thrombozytenzählung
Blutproben unmittelbar vor Transfusion und unmittelbar danach über
die noch liegende Kanüle in der Nabelschnurvene entnommen (vorher
Spülung des Systems). Sonografische Kontrolluntersuchungen. Nach Beginn
der Normalisierung der kindlichen Thrombozytenwerte kann es in Einzelfällen
einige Wochen noch einen thrombozytopenischen Verlauf geben. Deshalb sind
entsprechende Labor- und Sonografiekontrollen nach der Entlassung aus der
Klinik durch die Hausärzte erforderlich, bis Normalbefunde festgestellt
werden.
Therapie in Fällen mit normalem Risiko (leichter Verlauf): d.h.
ohne Hinweise auf eine kindliche Hirnblutung in der Anamnese oder bei derzeitiger
Schwangerschaft: In diesen Fällen wird der Schwangeren hoch dosiertes
Immunglobulin i.v. gegeben (1 - 2 g/kg/Woche). Postpartale Diagnostik und
Therapie wie unter Neonataler Alloimmuner Thrombozytopenie.
Vorzeitige Entbindung: Die Mehrzahl der Arbeitsgruppen empfiehlt die
Schnittentbindung in der 32. bis 35. SSW (oder 36. bis 38. SSW, Kjeldsen-Kragh
et al. 2007) nach Induktion der Lungenreife, damit die Thrombozytentransfusion
risikoarm am geborenen Kind bis zur spontanen Normalisierung der Plättchenkonzentration
erfolgen kann.
Therapiekontrolle: wie unter NAIT.
Rechtliche Aspekte
Standardisierte Dokumentation der klinischen und anamnestischen Daten
sowie der Funktions- und Laborbefunde. Dokumentation des Tages und der
Uhrzeit sowie der Schwangerschaftswoche, zu der die Diagnose gestellt wurde.
Aufklärung der Schwangeren über das Risiko einer diagnostischen
Cordozentese und pränataler Plättchentransfusionen, über
mögliche geistige und körperliche Behinderungen, über die
Wiederholungswahrscheinlichkeit bei erneuter Schwangerschaft, über
die Notwendigkeit der Betreuung durch ein spezialisiertes Zentrum bei Beginn
einer erneuten Schwangerschaft, die Notwendigkeit der Behandlung nur mit
HPA- und ggf. HLA ausgewählten Blutkonserven bei dem thrombozytopenischen
Kind bis zum Überstehen des Blutplättchenmangels und bei der
Mutter, wann immer sie wegen einer Thrombozytopenie in ihrem Leben transfundiert
werden muss. Notwendigkeit der hausärztlichen Kontrolle von kindlichen
Thrombozytenwerten und des Allgemeinbefindens nach stationärer Entlassung,
wenn zum Zeitpunkt der Entlassung die Thrombozytenwerte zwar deutlich angestiegen,
aber noch nicht im Normalbereich waren. Dokumentation aller dieser Aufklärungen
im Arztbrief, den auch die Mutter erhält, und Notfallausweis für
die Mutter mit Eintrag der HPA- und ggf. der HLA-Antikörper.
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